Beziehungsklärung am Lebensende

Pfarrer, Sterbebegleiter und Pflegekräfte äußern auf Nachfrage ähnliche Bewertungen, wonach ca. ein Drittel der Sterbenden und ebenso ein Drittel der begleitenden Angehörigen durch ungeklärte Beziehungsthemen belastet sind. Dies hat negative Auswirkungen für die Sterbenden und häufig das ganze weitere Leben der Angehörigen.

Beziehungsklärung am Lebensende ist ein sinnvolles Anliegen, denn die Klärungsbereitschaft ist in dieser Phase besonders hoch. Jedoch sollten Sie sich erreichbare Ziele vornehmen. Es mag unrealistisch sein, einen langen Konflikt noch vollständig aufzulösen. Es ist aber fast immer möglich, noch einmal ein gegenseitiges Verständnis zu spüren, dass den Beteiligten ein belastendes Thema nicht egal ist. Aus dem Erleben der Bereitschaft, über belastende Dinge noch einmal zu sprechen, ist eine andere Begegnung im Abschied möglich.

Worum geht es bei der Beziehungsklärung am Lebensende?

Der Abschied am Lebensende ist keine leichte Aufgabe. Fühlen wir uns selbst in der letzten Lebensphase, dann brauchen wir ein hilfreiches Verständnis für das was kommt, wir brauchen vielleicht Unterstützung in Schwächephasen, aber auch ein gutes Gefühl, was mit unseren wichtigen Angehörigen sein wird, wenn wir selbst nicht mehr sind.

Als Angehöriger, Partnerin oder Freund fragen wir uns sicher, wie wir sie oder ihn unterstützen können. Wir beschäftigen uns aber auch mit unserer eigenen Zukunft: Wie werden wir leben, ohne den Partner, ohne unsere Mutter, unser Kind oder die Freundin? Diese Herausforderungen können wir beschreiben als gegenseitige Unterstützung in der Gegenwart und Klärung der Zukunft.

Beides fällt uns schwerer, wenn uns eine weitere Herausforderung den Blick verstellt: Beziehungskonflikte, offene Fragen in Beziehungen, gefühlte Verletzungen oder gefühlte Schuld müssen vorrangig geklärt werden. Klären wir die damit verbundenen Themen nicht, dann verändert sich die Art der Unterstützung, die wir gegenseitig anbieten, und wie wir über die Zukunft nachdenken. Wir richten ‚Schutzzonen‘ ein, in die wir den anderen nicht lassen und die wir selbst nicht überschreiten. Wir verlieren das Gefühl, wie viel Nähe und Intensität wir brauchen, und wir verlieren unser Gespür dazu für den anderen. Dies passiert bewusst und unbewusst. Wir spüren irgendwie, dass wir eigentlich etwas anderes brauchen oder machen wollen, aber wir wissen nicht genau was. Selbst wenn wir spüren, was zu tun wäre, wissen wir häufig nicht, wie wir genau den ersten Schritt gehen können. Und, vielleicht haben wir manche Fragen schon 30 Jahre mit uns rumgetragen. Dürfen wir gerade jetzt, wo doch so viel Anderes, scheinbar Wichtigeres zu tun ist, eine Antwort suchen?

Das geht sehr vielen Menschen so! Deshalb sind wir nicht krank, selbst wenn wir uns belastet fühlen. Wir spüren den Impuls, etwas zu klären, schaffen es aber nicht, dies zu tun. Da die Zeit aber begrenzt ist, sollten wir unserem Impuls folgen und Beziehungsfragen klären. Wenn dafür Unterstützung notwendig ist, sollten wir uns diese suchen.

Und was ist, wenn ich die wichtigen offenen Fragen geklärt habe? Dann können wir uns auf die gegenseitige (!) Unterstützung in der Gegenwart und die Klärung der Zukunft konzentrieren. Häufig passiert das, was man als ‚Freigeben‘ und ‚Loslassen‘ im guten Sinne beschreibt. Später hören wir dann von den Hinterbliebenen, "er / sie konnte loslassen und ist friedlich gestorben, wir hatten einen guten Abschied". So ein Abschied verändert auch die spätere Trauer. Denn Trauer wird häufig durch nicht mehr geklärte Fragen erschwert.

Natürlich kann die letzte Lebensphase auch von Krankheit und Leiden bestimmt sein. Dennoch werden wir das Gewährenlassen wie auch das Geben von Unterstützung als stimmig erleben, wenn wir nicht durch offene Beziehungsthemen ‚abgelenkt‘ sind.

Wer kommt mit diesen Anliegen zu mir?

Ich berate Menschen, die sich mit ihrem Sterben beschäftigen. Zu mir kommen aber auch deren Angehörige und Freunde, die sich auf einen Abschied vorbereiten. Ausschlaggebend ist, wer den Impuls spürt, eine offene Frage zu klären.

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